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Im Katastropheneinsatz 1962 in Hamburg

Bericht über den Einsatz des KS-Zuges

Der Februar 1962 war kein besonders kalter Monat und die Fahrer der 3 VW-Mannschaftstransportwagen, die in der Nacht vom 16.2. zum 17. 2. 62 auf der Autobahn Kassel-Hannover-Hamburg unterwegs waren, waren für die freie Fahrbahn sicher dankbar. Es war die Fahrt von 26 freiwilligen Helfern des ASB aus dem Bezirk Hessen-Nord zum Katastropheneinsatzort Hamburg.

Die Zeitungen waren voll von Hiobsbotschaften nach Einbruch der Springflut in Hamburg. Das Chaos war so groß, dass selbst 24 Stunden nach Fluteinbruch über Zahl der Opfer, Umfang und Ausmaß der Verwüstungen und Sicherung der Verpflegung in verschiedenen Stadtteilen noch völlige Unklarheit herrschte. Zu diesem Zeitpunkt entschloss sich die ASB-Bundesleitung Katastrophentrupps der Kolonne Kassel, verstärkt durch Samariter verschiedener nordhessischer Kolonnen, als einzigen Trupp des ASB in das Flutgebiet zu entsenden. Dass die Wahl der Bundesleitung auf Kassel fiel, kam nicht von ungefähr. Bei Schau-Übungen und Einsätzen auf Landes- oder Kolonnenebene in Zusammenarbeit mit der Feuerwehr, THW und anderen Organisationen hatten sich die Einsatztruppe aus Kassel stets durch gute Ausrüstung, Ausbildung, Einsatzfreude und Disziplin bestens bewährt und würden daher von der Bundesleitung für fähig angesehen, einen so schwierigen Einsatz, wie den Hamburger, durchzustehen und dort bestmögliches zu leisten.

Sofort nach Erhalt der Einsatzorder entwickelte sich auf der Unfallwache eine hektische Betriebsamkeit. Das Benachrichtigungssystem trat in Tätigkeit, die Ausrüstung wurde nachgesehen und die Fahrzeuge beladen. Inzwischen wurden die durch Alarmauslösung eintreffenden Samariter eingekleidet, um sofort an den Vorbereitungen der Abfahrt teilnehmen zu können.

Außer Material und Ausrüstung erschien es uns wichtig, Getränke und Verpflegung für eine gewisse Zeit mitzunehmen, denn wir wussten, dass in den Notgebieten die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln völlig zusammengebrochen war. Der sofort zusammengetretene Vorstand, an der Spitze Sam. Günter Strasser, sorgte zunächst dafür, dass wir im Großlager der Konsumgenossenschaft Kassel einkaufen konnten. Ein Anhänger wurde mit Lebensmitteln beladen, die uns eine totale Unabhängigkeit von 6 Tagen verschafften. Sodann wurde mit einem Telefongespräch Sam. Gerhard Voigt, der von Kassel nach Hamburg verzogen war, von unserem Kommen unterrichtet und um Unterstützung gebeten, die er sofort zusagte.

Nach gut verlaufener Fahrt trafen wir am frühen Morgen in Hamburg ein und wurden von Sam. G. Voigt an der Autobahnabfahrt abgeholt. Dieser hatte inzwischen erreicht, dass der gesamte Trupp in einer Bundeswehrkaserne kostenlos übernachten konnte und teilweise auch dort verpflegt wurde. Weiterhin hatte er sich mit der Einsatzleitung im Rathaus Hamburg in Verbindung gesetzt. Von dort kam die Anweisung, zu versuchen, in den Stadtteil Wilhelmsburg zu gelangen, der von der Flut besonders betroffen und völlig abgeschnitten war. Tatsächlich gelang es uns bei günstigen Flutbedingungen in den Stadtteil Wilhelmsburg vorzudringen, ein Weg, der uns nicht unerhebliche Schwierigkeiten bereitete. So wurden z. B. die Fahrwege, die unter Wasser standen, vorher abgeschritten, um durch evtl. Untiefen kein Fahrzeug zu verlieren. Auch mussten oft bei unbefahrbaren Straßen, die tief unter Wasser standen oder erhebliche Untiefen aufwiesen, befahrbare Nebenstraßen gesucht und gefunden werden.

In Wilhelmsburg mussten wir erkennen, welch' katastrophale Zustände dort herrschten. Die Versorgung des Stadtteils mit Wasser, Gas und Strom war seit Ein­bruch der Flut restlos abgebrochen. Die in den Kellern gelagerten Brennstoffvorräte waren durch Wassereinbruch unbrauchbar. Man konnte in diesem Stadtteil weder heizen noch kochen, nicht einmal die Toiletten waren benutzbar, weil der von der Flut mitgebrachte Schlamm sämtliche Kanäle und Abwasserrohre verstopft hatte. Darüber hinaus war die Bevölkerung seit 3 Tagen ohne Wasser und jegliche Nahrung. Und dies alles im Wintermonat Februar.

Unsere erste Tätigkeit bestand darin, Dämme zu errichten und Stege zu bauen, um verletzte Personen oder altersschwache Greise in Krankenhäuser oder Asyle zu bringen und der Bevölkerung die Möglichkeit zu geben, sich durch Besuche über das Ergehen von Verwandten und Freunden zu orientieren. Zwischenzeitlich war es uns gelungen, unser Domizil in einem Möbelladen aufzubauen. Das Notstromaggregat wurde angeworfen, der Kocher in Betrieb gesetzt und unser Domizil — als einziger Raum in ganz Wilhelmsburg — elektrisch beleuchtet.

Noch waren wir mit all diesen Arbeiten beschäftigt, als uns ein Großhändler anbot, sein Lager zu räumen, in dem durch den Ausfall der Elektrizität die Kühlanlagen stillstanden. An Ort und Stelle mussten wir erkennen, dass das Unternehmen lebensgefährlich war. Die Flut hatte dem Gebäude so zugesetzt, dass akute Einsturz­gefahr bestand. Die Zimmerleute in unserem Trupp halfen uns in dieser Lage, indem sie das ganze Gebäude fachgerecht abstützten. So hatten wir Gelegenheit eine Tonne Geflügel und 20.000 Eier zu bergen. Der Abtransport erfolgte mit einem gecharterten Bundeswehrfahrzeug, denn unsere Busse hätten diese Fahrten nicht überstanden und der Bruchverlust an Eiern hätte die Ausbeute sicher erheblich verringert. Überhaupt war die "Eierbergung" ein Problem. Die Eier standen in großen Pappkartons auf dem Boden der Halle und die Kartons waren natürlich völlig durchweicht, wir mussten also mit 3 Mann die Hände flach unter den betreffenden Karton schieben und zugleich anheben. Trotzdem brachen einige Kartons auseinander, so dass wir nach Abschluss der Aktion knöcheltief in Rühreiern standen.

Sofort begannen wir unser Domizil zu einem Verpflegungslager auszubauen und die organisierten Nahrungsmittel an die Bevölkerung auszugeben. Auch bei den Rettungsmannschaften der Umgebung hatte es sich binnen kurzer Zeit herumgesprochen, dass es in einem Möbelladen beim ASB heißen Tee mit Rum und gebackene Eier gäbe. So hatten wir bereits in der ersten Nacht einige Liter Tee und 300 gebackene Eier ausgegeben, die sich bei der Polizei, den Tauchern und den Rettungsmannschaften steigender Beliebtheit erfreuten.

Nach den Berichten der Polizei über unsere Arbeit an die Einsatzleitung im Rathaus Hamburg begann man sich dort sehr für uns zu interessieren und unsere Arbeit zu unterstützen. Wir erhielten sofort einen Streifenwagen zur ständigen Verfügung, um mit der Einsatzleitung in dauernder Verbindung zu stehen. So baten wir die Einsatzleitung unsere bescheidenen Verpflegungsreserven für die Bevölkerung zu ergänzen. Kurze Zeit später schon flog man zunächst mit Hubschraubern alle erdenklichen Nahrungsmittel ein. Unser Lager platzte aus den Nähten und wir zogen in den leerstehenden Saal einer Gaststätte, unweit unseres alten Lagers.

Wir begannen nun uns vollständig auf die Ausgabe der Verpflegung zu konzentrieren. Auf langen Tischen wurden täglich ganze Tonnen Warm- und Kaltverpflegung sowie Frischwasser ausgegeben. Die Verpflegung wurde inzwischen mit gecharterten, hochbeinigen Bundeswehrfahrzeugen herangefahren, deren Einsatzbefehl  „unsere“ Streifenbesatzung eigenmächtig kurzerhand geändert hatte. Das Ausladen dieser Fahrzeuge war Schwerarbeit, denn immerhin waren wir schon 3 Tage fast pausenlos im Einsatz und alle Güter waren en gros verpackt. So bekamen wir z. B. Brote, die 1 1/2 Meter lang waren und die wir in Ermangelung von Messern mit Beilen portionierten. Die nunmehr erforderlichen Nachtwachen zehrten weiter an unseren Kräften. Wir waren dazu übergegangen 4 Samariter auch nachts im Verpflegungslager zu lassen, nachdem das wilde Gerücht kursierte, man wolle das Lager stürmen.

Irgendwie erfuhren wir, dass in Hamburg eine zentrale Verpflegungsstelle eingerichtet worden war und sofort entsandten wir an diesen wichtigen Punkt einen geeigneten Samariter, der die Aufgabe hatte, dafür zu sorgen, dass wir bei den Belieferungen nicht zu kurz kamen. Zwischenzeitlich hatte Sam. Voigt für unser bescheidenes Notstromaggregat, das auf Grund der Überbelastung furchterregend zu spucken begann, ein Superaggregat besorgt, das sämtliche Stromprobleme schlagartig beseitigte.

Auch sonst begann sich eine langsame Normalisierung abzuzeichnen. So gab es kaum noch Schwierigkeiten mit den Schlangen hungriger Menschen, die seit Ausgabe der 1. Ration nicht mehr abriss und die ständig mehrere Samariter auf den Beinen hielt um Streit und Ärgernis zu schlichten und die Menschen zur Vernunft aufzurufen. Wir waren dazu übergegangen kleine Stempel in die Ausweise zu drücken, um eine gleichmäßige Verteilung zu erreichen und mancher wurde dabei ertappt, wie er sich durch List und Tücke eine Sonderration ergattern wollte. Auch das war nun kaum noch der Fall.

Somit beschlossen wir langsam zur Heimreise zu rüsten, zumal die physische Anstrengung, der wenige Schlaf und die nasse Kälte ihre Spuren bei uns hinterlassen hatten. Jedoch schien die Einsatzleitung in Hamburg von diesem Entschluss wenig erbaut. Sie rief die Bundesleitung an und bat darum, unser für diesen Stadtteil unentbehrliches Wirken noch auf weitere 2 Tage auszudehnen. Postwendend gab dann unser damalige Bundesvorsitzende W. Ohlsen per Ferngespräch die Anweisung an den Truppenführer noch 2 Tage zu bleiben. Verständliches Murren bei den Samaritern wurde durch Einsicht um die Notwendigkeit dieser Maßnahme bald eingedämmt. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem man „unsere“ Streifenwagenbesatzung abzog, die uns die Arbeit so sehr erleichtert hatte und mit der wir bei mancher Nachtwache im Verpflegungslager bei einer Flasche Rum oder Doornkaat (wir nannten es "Schluckimpfung gegen Erkältungskrankheiten") Freundschaft geschlossen hatten.

Diese Maßnahme brachte die Mannschaftsseele zum Überkochen. In ultimativer Form teilten wir der Einsatzleitung telefonisch unsere sofortige Abreise für den Fall mit, dass dieser unerträgliche Zustand beibehalten werden sollte. Die Früchte unseres Einspruchs ernteten wir bereits 1 Stunde später. Große Wiedersehensfeier mit „unserer“ Streifenwagenbesatzung bei 1 Flasche Rum (Schluckimpfung). Die Einsatzleitung hatte nun beschlossen die Verpflegung der Bevölkerung langsam auslaufen zu lassen. Somit war unser Mann im Verpflegungsdepot arbeitslos und wurde abgezogen. Das Lager wurde aufgelöst und wieder, diesmal endgültig zur Heimreise gerüstet.

Eine nette Überraschung erwartete uns noch auf der Autobahn. Dort hatte sich "unsere Polizeibesatzung" postiert, um uns zu verabschieden. Nach einer Zwischenstation bei der Bundesleitung in Hannover trafen wir nach 7-tägigem Einsatz wohlbehalten in Kassel ein mit dem Empfinden dem Samaritergedanken gefolgt zu sein und notleidenden Menschen geholfen zu haben.

Wolfgang Nau 2. Vorsitzender

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        Stand: 13. April 2012 -- Fragen ?
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